Ein Weltrekord, drei Meetingrekorde, zwei endende Seriensiegerinnen und zwei junge Schweizerinnen, die sich von den 25’000 begeisterten Fans zu Heimsiegen tragen liessen: Bei Weltklasse Zürich im Stadion Letzigrund folgte ein Feuerwerk nach dem anderen.
100 m Hürden: Russell entthront Weltrekordhalterin Amusan
Was für eine Sternstunde! Was für ein Abend! Was für eine Powerfrau! Keine 40 Minuten nach Alison dos Santos’ fantastischen Weltrekord über 400 m Hürden doppelt Masai Russell (USA) bei ihrer Premiere auf der Zürcher «piste magique» von CONICA nach. Seit dem vierten Platz an der WM in Tokio über 100 m Hürden ungeschlagen, liess die Olympiasiegerin keine Zweifel darüber bestehen, wer die schnellste Hürdensprinterin ist. Heute. Diese Saison. Der Geschichte.
In 12,09 Sekunden brach Russell bei Windstille nicht nur den Meetingrekord (12,29) von Tobi Amusan (NGR), sondern auch deren vier Jahre alten Weltrekord (12,12), nachdem sie diesen Ende Mai in Xiamen (CHN) noch um zwei Hundertstel verpasst hatte. Ganz nebenbei feierte die Hürdenqueen ihren zwölften Sieg auf ihrer Paradestrecke – in Serie.
«Als ich die 12,09 sah, wusste ich einfach: Ich habe es geschafft. Ich habe so lange von diesem Moment geträumt – und dann diese Stimmung im Stadion zu erleben … Es gibt keinen besseren Ort, an dem ich mir hätte vorstellen können, den Weltrekord zu brechen», bekannte die neue Weltrekordfrau nach ihrem Fabellauf.
Die entthronte Vorgängerin Amusan musste trotz persönlicher Saisonbestzeit (12,23) mit Platz zwei Vorlieb nehmen. Als Dritte warf sich Europameisterin Nadine Visser (NED/12,34) ins Ziel. Weltmeisterin und Publikumsliebling Ditaji Kambundji (STB/12,82), letztes Jahr noch Zweite in der damaligen nationalen Rekordzeit von 12,40 Sekunden, entschied das «Schweizer Duell» mit der Weltklasse-Siebenkämpferin Annik Kälin (AJ TV Landquart/12,87) für sich.

800 m: Audrey Werro nähert sich dem ältesten Weltrekord
Vor einem Jahr war Audrey Werros internationaler Stern im Letzigrund aufgegangen, als sie sich in der damaligen Landesrekordzeit von 1:55,98 Minuten zur ersten Schweizer Finalsiegerin der Wanda Diamond League krönte. Seither blieb die Hallen-WM-Silbermedaillengewinnerin und Europameisterin outdoor ungeschlagen. Noch mehr: Sie knackte fünf Meetingrekorde und stellte in 1:53,92 (Stockholm) respektive 1:53,80 Minuten (Paris) zwei Fabelzeiten auf. Keine Frau lief die zwei Bahnrunden in diesem Jahrtausend schneller als die 22-jährige Frontrunnerin aus dem Kanton Fribourg.
In Zürich musste Werro ihre gewohnte Taktik anpassen. Denn nach der Startkurve war es nicht sie, die der Pacemakerin Myrte van der Schoot auf den Fersen folgte, sondern deren Landsfrau Femke Broeders-Bol (NED). Die letztjährige Weltklasse Zürich-Siegerin und Meetingrekordhalterin über 400 m Hürden zeigte, dass sie den Umstieg auf die zwei Stadionrunden definitiv geschafft hat. Bis 600 m behielt sie die Führung, ehe Werro, getragen vom Schweizer Fahnenmeer, in der Schlusskurve mit ihren langen Schritten an der Niederländerin vorbeizog und sich dem ältesten Weltrekord der Leichtathletik bis auf 42 Hundertstel näherte. 1:53,70 Minuten bedeuten World Lead, Meeting-, Diamond-League-, National- und U23-Europarekord. «Es war crazy, ich bin sehr stolz darauf, dass ich diese Zeiten unter 1:54 laufen kann – das ist eine gute Ausgangslage für die Zukunft», bedankte sich Audrey Werro beim besten Publikum der Welt.
Aber auch Broeders-Bol durfte stolz auf ihre Renngestaltung sein. Die letztjährige Weltklasse Zürich-Siegerin und Meetingrekordhalterin über 400 m Hürden drückte ihren niederländischen Rekord, aufgestellt vor sechs Tagen bei Athletissima Lausanne auf 1:54,71. Die Schweizer Co-EM-Finalistinnen Veronica Vancardo (CA Frbourg/1:58,49) und Valentina Rosamilia (BTV Aarau/1:59,46) verkauften ihre Haut im schnellsten 800-m-Rennen seit 43 Jahren so teuer wie möglich. Wie Werro hatten sie als Teenager schon Letzigrund-Atmosphäre beim MILLE GRUYÈRE-Verfolgungsrennen im Vorprogramm geschnuppert und konnten nun auf der grossen Weltklasse-Bühne «racen».

400 m Hürden: Cockrell beendet Zapletalovás Siegesserie
Was Femke Broeders-Bol in den letzten Jahren über 400 m Hürden war, ist Emma Zapletalová in dieser Diamond-League-Saison: die unangefochtene Langhürdlerin. Betreut vom Schweizer Erfolgscoach Laurent Meuwly, triumphierte sie heuer bei fünf Stationen der höchsten globalen Wettkampfserie und wandelt damit auf den Spuren der 30-fachen Meetingsiegerin.
Nach Platz 2 im Vorjahr war alles angerichtet für Zapletalovás Premierensieg im Letzi-Oval. Bis zur neunten Hürde. Dann geriet die Slowakin ins Stocken und konnte einen Sturz bloss knapp verhindern. Die US-Amerikanerin Anna Cockrell hingegen nahm den Schwung mit und zog unwiderstehlich davon. Noch mehr: In 52,13 brach die Olympia-Zweite von Paris 2024 den Meetingrekord von keiner geringeren als … Femke Broeders-Bol (52,18). Zudem entriss sie der sechstplatzierten Zapletalová die Weltjahresbestleistung (52,30). Ex-Weltrekordhalterin Dalilah Muhammad (53,16) folgte als Zweite.

100 m: Alfred stoppt Jefferson-Woodens «Streak»
Das erste Mal bei Weltklasse Zürich am Start, wollte Weltmeisterin Melissa Jefferson-Wooden ihren «Streak» fortsetzen. Seit dem 3. August 2024, als sie hinter Julien Alfred (LCA) und Trainingskollegin Sha’Carri Richardson (USA) Olympiabronze in Paris gewann, hat die dreifache Weltmeisterin kein 100-m-Rennen mehr verloren. In der Neuauflage des Olympiafinals von 2024 behielt Vorjahressiegerin Alfred jedoch die Oberhand. In der lucianischen Landesrekordzeit von 10,70 verwies sie Jefferson-Wooden (10,70) im Fotofinish um wenige Tausendstelsekunden auf Platz 2 und Richardson (10,97) auf Platz 3.
Europameisterin Amy Hunt (GBR/11,04) vermochte als Fünfte nach einem verpatzten Start nicht in den «Clash der Sprintqueens» einzugreifen. Schweizer Meisterin und Neo-Zeekr-Botschafterin Géraldine Di Tizio-Frey (LK Zug/11,21) führt die europäische Saisonbestenliste damit weiterhin an.

Hochsprung: Olyslagers verkürzt im «Head-to-Head»-Duell
12 zu 29 stand es im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den aktuellen Outdoor- respektive Indoor-Weltmeisterinnen Nicola Olyslagers (AUS) und Yaroslava Mahuchikh (UKR) vor dem Aufeinandertreffen bei Weltklasse Zürich. Zuletzt wechselten sich die beiden Überfliegerinnen regelmässig auf dem obersten Podest ab: In Paris 2024 (Olympia) und Toruń 2026 (Indoor-WM) schnappte sich Mahuchikh Gold vor Olyslagers. Letztere wiederum schwang beim Wanda Diamond League Final 2025 in Zürich und bei der WM in Tokio obenaus.
Dass es die hochgeschossene Weltmeisterin aus «Down Under» nicht nur auf dem Sechseläutenplatz kann, sondern auch im Stadion Letzigrund, bewies sie in der Stehplatzkurve. Im Rhythmus angeklatscht, meisterte Olyslagers die 2,02 m als einzige Athletin. Dauerrivalin Mahuchikh hingegen patzte. Gewissermassen in die Bresche sprang Landsfrau Iryna Gershchenko (UKR). Die Olympia-Bronzegewinnerin hievte sich auf 2,00 m – und damit so hoch wie nie mehr seit drei Jahren und der Geburt ihrer Tochter im Juni 2025.

200 m: Hoenke lanciert Abend mit Schweizer Sieg im Vorprogramm
Für den ersten Schweizer Jubelsturm auf Frauenseite sorgte im Vorprogramm Fabienne Hoenke (LV Fricktal) über die halbe Bahnrunde. Die EM-Vierte und Silbermedaillengewinnerin mit der 4×100-m-Nationalstaffel startete vor dem UBS Family Corner wie die Feuerwehr. Ausgangs Kurve noch in Schlagdistanz zur Führenden, kam Hoenke auf der Zielgeraden regelrecht ins Fliegen.
In 22,53 Sekunden, der drittbesten Karrierezeit, feierte die U23-Rekordhalterin ihren zweiten Sieg im Letzigrund, nachdem sie sich Ende Juli an selber Stätte bereits zur Schweizer Meisterin gekürt hatte. Erste Gratulantin: Sprintvorbild Mujinga Kambundji (STB), die nach einem Jahr Babypause herzlich vom Heimpublikum empfangen wurde und viel Motivation für die nächsten Etappen auf der Rückkehr zu alter Stärke tankte.

Das sind die Weltklasse Zürich-Siegerinnen 2026
100 m: Julien Alfred (LCA) 10,70 (NR)
200 m (Vorprogramm): Fabienne Hoenke (LV Fricktal) 22,53
800 m: Audrey Werro (SUI) 1:53,70 (DLR/MR/NR/WL)
1500 m (Vorprogramm): Ludovica Cavalli (ITA) 4:03,27
100 m Hürden: Masai Russell (USA) 12,09 (WR/WL)
400 m Hürden: Anna Cockrell (USA) 52,13 (MR/WL)
3000 m Steeple: Faith Cherotich (KEN) 8:55,82
Hochsprung: Nicola Olyslagers (AUS) 2,02 m
Stabhochsprung (Hauptbahnhof): Hana Moll (USA) 4,90 m