13 December, 2018

Anekdoten aus den Katakomben

Sie kennen die Spleens und Sonderwünsche der Topstars wie Usain Bolt seit Jahrzehnten: Die Meeting-Co-Direktoren Christoph Joho und Andreas Hediger über Zelte und Zöpfchen. Klein und dünn, gross und dünn, muskelbepackt, sehnig, austrainiert oder massig: Kaum eine Sportart vereint so vielfältige Sportlertypen wie die Leichtathletik.

Bei Weltklasse Zürich treffen sich alle an einem Abend, in einem Stadion, leben in einem Hotel. 18 Disziplinen, gegen 200 Athletinnen und Athleten – und damit 200 Extrawünsche? Nein, sagen Andreas Hediger, 52, und Christoph Joho, 52, seit 2015 Co-Direktoren des Meetings, es sei wie bei einem normalen Schnitt durch die Gesellschaft: «Da gibt es Normalere und Exzentrischere.» Hediger ist seit 1991 dabei, Joho seit 1997. Viele Anekdoten bleiben für immer in den Katakomben des Letzigrunds – andere darf man durchaus teilen.

Andreas Hediger, Christoph Joho, sind die erfolgreichsten Athleten auch die anspruchsvollsten?
Andreas Hediger: In der Tendenz kann man das so sagen. Mit der Berühmtheit steigt auch der Anspruch, mitunter berechtigt. Jeder will etwas von dir. Ein Olympiasieger oder Weltmeister bekommt bei uns ein Einzelzimmer, während Läufer Nummer acht oder neun sich das Zimmer teilen. Der gute Athlet darf seinen Trainer oder Physio mitbringen, der Durchschnittsathlet nicht. Es gibt also Objektives und dann Dinge, die charaktereigen sind. Es gibt Superstars, die völlig easy sind und teilweise mit uns befreundet, und andere, die tatsächlich ihre eigene Welt haben.

Wer denn zum Beispiel?
Christoph Joho: In den Achtzigerjahren war es King Carl, Carl Lewis. Er kam, breitete die Arme aus – und da war er. Er wollte nicht im Athletenhotel übernachten, sondern im Fünfsternehaus Savoy am Paradeplatz. Das war wichtig. Auch seine Entourage nahm er immer mit. Er war der King, und so gab er sich auch, auf und neben dem Platz (lacht). Anders war Usain Bolt. Ein Supershowman. Wenn er aber zum Beispiel im Auto sass, hatte er die Kopfhörer auf und machte dann zu. So habe ich ihn ein paarmal erlebt. Nicht der Showman, nicht wie ein hyperaktives Kind. Er zog sich wirklich in seine Welt zurück. Das ist oft so bei den Grossen. Wenn sie einen Termin wahrnehmen, sind sie sehr präsent, aber danach ziehen sie sich zurück.

Also keine grosse Diva?
Wenn Athletinnen oder Athleten schwierig oder zickig scheinen, hat es oft damit zu tun, dass es eher Menschen sind, von denen alle etwas wollen. Wenn sie etwas seltsam reagieren, ist es oft ein Selbstschutz.

Wer sind die ganz entspannten Superstars, die Sie angesprochen haben?
Zum Beispiel Mo Farah im vergangenen Jahr, als er das letzte Bahnrennen seiner Karriere in Zürich lief. Er war zugänglich, strahlte eine freudige Energie aus. Er hat mit allen gesprochen, immer mit einem riesigen Lächeln im Gesicht. Schon vor dem Rennen, das er dann ja knapp gewann. Da sieht man ganz grosse Unterschiede.
Hediger: Es gibt auch Grosse, die Freunde von uns geworden sind. Christian Taylor beispielsweise, Emma Coburn, Jenny Simpson.

Hatte Usain Bolt keine anderen Spezialwünsche, etwa wie Lewis beim Hotel?
Hediger: Bolt ist ein riesiger Fussball-Fan. Unser Vorgänger Patrick Magyar organisierte für ihn einen Ausflug an den Fifa-Hauptsitz inklusive einem Treffen mit Sepp Blatter. Generell versuchen wir, allen Athleten ihre Wünsche zu erfüllen, wir wollen auch in diesem Bereich Weltklasse sein.
Joho: Die grössten Extrawünsche kommen übrigens meist nicht von den Athleten, sondern von den Showacts, die am Ende des Meetings zwei Lieder spielen.

Was gehört zu den alltäglicheren Wünschen, die heute geäussert werden?
Hediger: Vor allem sportspezifische Dinge, wie Eisbäder, eine Regenerationsmassnahme, die in verschiedenen Nationen weit verbreitet ist. Wir stellen Eispacks zur Verfügung und schauen, dass jene Athleten ein Zimmer mit Badewanne bekommen. Es gibt Langstreckenläufer, die mit ihrem Höhenzelt unterwegs sind. In dieser Druckkammer schlafen sie dann. Das macht aber einen Riesenlärm, und wenn du mit einem solchen Athleten ein Zimmer teilen musst, ist das problematisch.
Joho: Shelley-Ann Fraser wollte einmal dringend ihre Frisur hinkriegen, sie trug damals Afro-Zöpfe. Da kannst du ja nicht zu einem normalen Coiffeur, sondern brauchst jemanden, der diese Zopftechnik beherrscht. Wir wurden an der Langstrasse fündig. Der Fahrer brachte sie hin, und sie kam sechs Stunden später glücklich zurück. Auch sehr gefragt ist der Shuttleservice während der ganzen Nacht. Für viele Disziplinen sind wir das letzte Meeting der Saison. Das heisst, dass unsere Shuttles die ganze Nacht über im Einsatz sind – um die Athleten aus dem Ausgang abzuholen oder sie um fünf Uhr früh bereits auf den Flughafen zu bringen.

Wie feiern denn die Athleten?
Joho: Der Grossteil geht heute ins Mascotte, dort läuft am Donnerstag R’n’B. Auch Usain Bolt war Stammgast. Es ist aber keine geschlossene Gesellschaft. Bei der Eröffnung des neuen Letzigrundes haben wir einmal eine eigene Party im Sponsorenzelt mit Band angeboten. Bis die Athleten gegessen und sich aufgetakelt hatten, war fast Mitternacht. Fünf Minuten nach Mitternacht stand bereits die Polizei da und drohte, den Stecker zu ziehen. Bis viertel vor eins konnten wir es hinauszögern, danach mussten wir die Sportler an eine andere Party bringen.

Wer feiert denn besonders gut?
Joho: Früher hatten wir am Tag vor dem Meeting das Kugelstossen im Hauptbahnhof. Als die Kugelstösserinnen fertig waren und bei den Männern zuschauten, wollten Sie auf den Saisonabschluss anstossen. Wir hatten aber nur alkoholfreie Getränke. Also kauften wir einen Stock tiefer ein paar Bier, die aber ziemlich zügig getrunken waren. Also gingen wir nochmals und holten eine zweite Runde. Als die Männer fertig waren, tranken sie den Rest. Das war ein witziger Anblick, als später beim Hotel diese Hünen aus dem Bus stiegen und es ziemlich lustig hatten. Sie haben den Saisonabschluss wohlverdient genossen.

Wollen die Athleten ein Freizeitprogramm geboten bekommen?
Hediger: In den seltensten Fällen. Die meisten sind schon so lange unterwegs, dass
sie nur noch heim wollen.
Joho: Früher haben wir ein Freizeitprogramm auf die Beine gestellt. Zum Beispiel eine Chocolate-&-Cheese-Tour oder eine Sightseeing-Tramfahrt durch Zürich. Jedoch war die Beteiligung jeweils sehr gering. Einmal waren wir auf dem Üetliberg. Oben muss man von der Station etwa zehn Minuten bergauf laufen, und da ging das grosse Jammern los. Die Langstreckler wollten nicht laufen, weil es kein Training war, und die Sprinter wollen in ihrer Freizeit sowieso kaum einen Schritt machen. Die Athleten haben ihren Fokus auf dem bevorstehenden Wettkampf und versuchen, möglichst keine zusätzliche Energie zu verbrauchen.

Wie sieht es beim Essen aus?
Hediger: Unser Buffet ist wie ein Schlaraffenland, wir achten darauf, dass es alles
hat und die Saucen separat sind. Dennoch haben viele ihr Vor-Wettkampfessen dabei, zum Beispiel eine spezielle Art Quinoa, das sie dann genau zu dieser Zeit essen und im Tupperware dabeihaben.

Welche kuriosen Eigenheiten haben die Stars?
Joho: Der Sprinter Kim Collins zum Beispiel reist immer mit seiner eigenen megascharfen Sauce, die er nach einem Rezept seiner Grossmutter macht. Eine Chili-homemade-Pepper-Sauce. Die tut er auf alles, immer hat er sein Glas dabei. Das ist sein Glücksbringer. Es muss im Mund brennen, dann ist gut, dann wirst du nicht krank. Wir probierten sie, das kannst du nicht essen, so scharf!
Hediger: Andere bringen Dinge mit, bei denen man sich fragt: Weshalb reist du damit um die Welt? Ein aktuelles Beispiel ist Karsten Warholm, der Weltmeister über 400 m Hürden. Er nimmt eigene kleine zusammenfaltbare Trainingshürden mit sowie sein Luftsofa, worauf er sitzen und liegen kann.

Interview: Eva Breitenstein
Fotos: Simon Habegger

Für Schweizer Illustrierte

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